Willkommen lieber Irrtum

Willkommen lieber Irrtum

Als Kinder haben wir oft genaue Vorstellungen davon, wer wir einmal sein oder was wir einmal tun wollen. Von dem Ort oder dem Haus, in dem wir wohnen werden. Dessen Dach vielleicht aus Glas gebaut ist, damit wir beim Einschlafen die Sterne zählen und den Mond sehen können. Hinter dem Haus befindet sich ein verträumter Garten, mit einem Badesee und großen uralten Kletterbäumen, mit Obststräuchern, an denen wir uns zu jederzeit satt essen können.

In der kindlichen Vorstellung ist man mit 40 eine Oma, deswegen heiraten wir mit 20 unseren Traumprinzen, bekommen das erste Kind mit 22 Jahren, das zweite mit 24 Jahren und danach läuft das Leben einfach ganz "normal".

 

Ja, das kommt mir bekannt vor. Und da haben wir ihn gleich... den ersten Irrtum.

Geheiratet wurde in meinem Leben der Traumprinz erst 14 Jahre später, vorher kannte ich ihn leider noch nicht. Kinder kamen mit 36 und 39 Jahren und steinalt oder wie eine Omi fühlte ich mich mit 40 nur an ausgewählten Tagen.

An Tagen, die durchgemachten Nächten folgten. Nächten, die am Bettchen der lieben Kleinen stattfanden, weil sie krank oder ängstlich waren. 

 

Und mit Irrtümern geht es munter weiter:

Als Teenager wäre ich in meiner Vorstellung gestorben, wenn meine erste große Liebe mich verlassen hätte.

Irrtum. Die erste große Liebe ließ sich zwar nicht davon abbringen, mich zu verlassen, aber ich habe die Trennung doch überlebt.

 

 

Niemals würde ich es schaffen mit dem Rauchen aufzuhören, so dachte ich als Jugendliche, fand ich mich damit doch so grandios und cool. 

Irrtum. Tag X kam, die Fluppen flogen für immer in die Tonne und ich empfand mich umgehend als außerordentlich schlau, diese Entscheidung getroffen zu haben.

 

 

In der Zeit meiner wildesten Pubertät, in Kämpfen mit meinen Eltern, in denen es darum ging – wie lange darf ich und mit wem darf ich wohin – schwor ich mir, dass ich alles anders machen würde, wenn ich selber einmal Mutter würde.

Irrtum. Ich bin auf dem besten Weg viel von dem zu übernehmen, was meine Eltern Erziehung nannten. 

 

 

Wie oft dachte ich, vor allem in turbulenten und emotional aufgeladenen Momenten meines Lebens, dass meine Suche nach Ruhe, Erfüllung, Zufriedenheit und Ankommen doch spätestens mit Mitte 40 beendet sein müsste. Oft sehnte ich mich nach mehr Ausgeglichenheit, inneren Frieden und Lebensruhe.

Irrtum zur Hälfte.

 

Ausgeglichenheit empfinde ich tatsächlich, weil ich mit beiden Beinen sicher im Leben stehe und Menschen, die mich lieben an meiner Seite spüre.

Aus Frieden ist Zufriedenheit geworden. Zufrieden mit dem, wie ich bin, was ich tue und wie ich lebe. Dieses Gefühl mag ich sehr und tanke daraus Energie.

Lebensruhe – NO!

 

Ich habe Hunger, viel Hunger auf mehr Leben. LAUT, bunt, vielseitig, emotional und K R A F T voll.  

Wenn die Lebensruhe in früheren turbulenten Zeiten Entspannung, Freiheit und Freizeit bedeutet haben, dann empfinde ich heute anders.

Ich habe große Lust auf immer mehr Projekte, auf Arbeit und Entwicklung, auf neue Wege und darauf, Dinge auszuprobieren, die ich früher nicht für möglich hielt. Ich bin neugieriger als je zuvor und nenne mich selbst Lebenskonsumentin. Ich wünsche mir, dass mir dafür noch viel Zeit bleibt.

 

 

Ich mag meine Irrtümer. Sie zeigen mir, dass Ziele und Wünsche in meinem Leben nicht fehlen sollten, aber eben auch, dass ich gelassen mit diesen Zielen umgehen darf.

Diese Gelassenheit lässt mich mutig sein im Ausprobieren. Sie hält mich nicht mit übermäßigem Abwägen, Zaudern und Hinterfragen auf. Wenn ich denke es passt, gebe ich mir grünes Licht. Das schlimmste, was passieren kann ist, dass meine Entscheidung ein Irrtum war. So what – dieser Irrtum macht aus meinem Leben wieder etwas ganz Wunderbares – etwas Anderes. 

 

Ich empfehle unsere Irrtümer herzlich willkommen zu heißen. Dafür zu sorgen, dass es uns gut geht und unsere Wünsche in die Tat umzusetzen. Entscheidungen fällen, ausprobieren und unser Leben konsumieren. Ohne zu zaudern und überängstlich zu sein, denn das Schlimmste was passieren kann, ist ein - Irrtum.