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Neun Leben

Neun Leben

„Was kannst du alles ertragen – wie viel hältst du denn noch aus?“, frage ich mich manchmal in Gedanken, wenn ich Gesprächen folge, in denen über die unerträglichen Arbeitsbedingungen wie in einem Wettbewerb geeifert wird. 

 

Was mich so erstaunt, ist der Wettbewerb um den 1. Platz bei der größtmöglichen Unglücklichkeit mit der eigenen Arbeitsstelle. 

 

Wer hält die miesesten Arbeitsbedingungen, die gemeinsten Kollegen, den dominantesten Chef, unwürdige und unzumutbare Aufgaben, gestrichene Urlaubstage oder abgelehnte Anträge und die höchste Anzahl an unbezahlten Überstunden aus?

In Gesprächen über solche und ähnliche Arbeitsbedingungen übertreffen sich die Beteiligten gegenseitig.

 

Mir ist klar, dass es in dem Wetteifer mehr um Anerkennung denn um Hilferufe geht. Menschen beziehen Anerkennung aus unterschiedlichen Quellen. Als toleranter Mensch akzeptiere ich auch diese Quelle, es fällt mir jedoch schwer.

Die Quelle der Anerkennung, in diesem Fall, die höchste Leidensfähigkeit mit der eigenen Arbeit, erscheint mir verschwendete Energie.

Man hätte die Möglichkeit diese Energie in Selbstbestimmtheit zu stecken, Arbeitsbedingungen aus freier Entscheidung zu optimieren und aus maximal Leidenden werden maximal Zufriedene.   

 

 

„45 Stunden die Woche, das ist gar nichts, ich arbeite grundsätzlich 50 und bekomme nur 38,5 davon bezahlt. Das ist in meiner Firma normal.“

 

„Mein Chef drückt mir grundsätzlich die Protokollierung aufs Auge, das steht nicht in meiner Leistungsbeschreibung. Er weiß genau, dass ich eine halbe Stelle habe und pünktlich meine Kinder aus der Kita abholen muss.“

 

 

„Mein Vorgesetzter bedankt sich nie für die Erstellung der Präsentationen und schmückt sich sogar noch mit „meinen Federn“ bei unseren Kunden und dem Chef. Das macht mich so wütend.“

 

 

„Vor den Kollegen X und Y habe ich wirklich Angst und bekomme Migräne, wenn ich Aufgaben gemeinsam mit ihnen erledigen muss, weil….“

 

 

Das ist doch Masochismus oder?

 

 

Ungerechtigkeiten hinnehmen, unmenschliches Verhalten und sogar Mobbing aushalten, ausgenutzt werden, etc. Wer möchte denn dabei den 1. Platz erzielen? 

Die Motivation sich persönlich zu kasteien, der oder die Beste im Aushalten unattraktiver Arbeitsbedingungen sein zu wollen, übersteigt mein Verständnis von der Sinnhaftigkeit der Leidensfähigkeit.

 

 

Es ist denkbar, dass der ein oder andere beim Lesen über die angeführten schlechten Arbeitsbedingungen entsetzt mit dem Kopf schüttelt und sich sehr weit davon entfernt fühlt.

So etwas würde  man mit sich selbst niemals machen lassen?!?

 

In dem Zusammenhang finde ich spannend darüber nachzudenken, wie viel Arbeitsmasochismus in uns allen steckt? Was halten wir aus, ohne Veränderung herbeizuführen? Auch wenn wir uns damit nicht an einem öffentlichen Wettbewerb beteiligen.

Stilles und einsames Leiden ist eventuell schmerzhafter, als öffentliches und lautes Leiden. Das ist meine persönliche Vermutung.

 

Provokant denke ich weiter, dass Menschen mit hoher Leidensfähigkeit hoffentlich neun Leben haben, wie sie Katzen sprichwörtlich zugeschrieben werden.

Wäre ich Zockerin, Computerspielerin, würde ich an dieser Stelle die Namen der angesagten Computer - Games anführen, bei denen man einfach wieder von neuem losrennt, wenn man abgestürzt ist oder abgeschossen wird. In denen man auf Start geht, wenn die Punktezahl für das folgende Level nicht erreicht wurde.

 

Neun Leben, in denen all das entschieden werden kann, was in den Vorangegangenen versäumt wurde. 

Neun Leben, in denen man bis zum Letzten Zeit hat, nach seinen Bedürfnissen zu leben. Seine gesteckten Lebensziele zu erreichen, selbstbestimmt die Person  werden, die man immer sein wollte und am Ende der Lebenszeit nichts vermisst.

 

Aber wer hat schon neun Leben?  Miau...