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Wenn nachts endlich Zeit zum Denken ist...

Vampir oder Denkir?

Viele Menschen können abends nicht einschlafen. Zu viele Gedanken beschäftigen ihren Geist. Ärger am Arbeitsplatz, Stress in der Familie oder mit der Person, die neben einem liegt?! Je mehr man versucht diese schmerzenden Gedanken und Emotionen zu unterdrücken, desto weniger findet man in den ersehnten Schlaf.

Die Nacht ist meine Zeit. Bin ich ein Vampir? Nein, bin ich nicht. Ich bin ein Denkir. Du weißt nicht, was ein Denkir ist? Ich sauge mir Gedanken aus dem Hirn. Früher habe ich mich gegen solche Denkanfälle gewehrt und mich erfolglos von einer Seite auf die andere gewälzt. Ich muss unbedingt schlafen - morgen früh muss ich zur Arbeit! Dann bin ich wieder todmüde und fühle mich den ganzen Arbeitstag gerädert. Tja, dem war leider oft so.

 

Heute komme ich trotz oder gerade wegen der spät abendlichen Denkerei morgens einigermaßen gut aus dem Bett. Auch wenn ich für mein Empfinden spät einschlafe, bedenke und bearbeite ich vor dem Einschlafen Vieles und finde dann zu meiner Nachtruhe. Mein inneres Uhrwerk und die Lust auf den Tag, treiben mich aus dem Bett und zur Kaffeemaschine.

 

Wie wurde ich zum Denkir? Wenn der Tag herum ist und die Arbeit erledigt, wenn es dunkel wird und alle im Haus schlafen, kommt meine Zeit. Dann ist Platz für Gedanken, die sich um mich drehen.

 

Zum Beispiel: Was will ich erreichen und in welche Richtung soll es für mich gehen? Wie geht es eigentlich meinem Körper und ist mein Geist gesund? Bin ich eigentlich selbst arbeitsglücklich?

Ich schaue mir meine Probleme an. Wenn ich mit einem davon beginne und das kommt meist von ganz allein auf den Radarschirm, dann folgen weitere Probleme. Ängste um meine Familie und Zweifel, ob ich dies oder das richtig entschieden habe. Von all dem habe ich eine ganze Menge auf Lager. Und wenn ich Platz dafür mache oder eben meine nächtliche Bühne eröffne, dann kommt sehr viel zum Vorschein.

 

Früher, als ich nur funktionierte, Unangenehmes beiseite schob und wenig Selbstanalyse betrieb, war meine Taktik diese Ängste, Sorgen und Zweifel zu unterdrücken, sie von der Bühne zu kicken und die Gedanken im Keim zu ersticken.

Schön blöd von mir! Deswegen habe ich heute sicher soviel davon auf Lager. Du kannst dir vorstellen, wie es in einem Lager aussieht, wo immer nur etwas hinein geschoben wird und nie sortiert und in Ordnung gebracht wird.

 

Als Denkir muss ich nachts manchmal weinen oder vor Wut in die Bettdecke beißen. Hört sich irgendwie beknackt an, ich weiß. Aber wenn ich mir nachts heimlich, still und leise meinen Ärger zum Beispiel aus einem Streit mit einer Person ansehe und versuche zu bestimmen, warum ich so ärgerlich bin, dann entdecke ich irgendwann, dass ich gar nicht mehr verärgert bin, sondern eher verletzt.

Dann muss ich weinen und spüre, was mir gefehlt hat in der Auseinandersetzung. Vielleicht die Zuwendung dieser Person? Es ist möglich, dass ich spüre, dass ich die Person sogar sehr mag und da ist plötzlich Enttäuschung. Tja und dann mischt sich manchmal sogar Mitleid mit mir selbst und mit der anderen Person ein. Vielleicht empfindet die andere Person ähnlich wie ich? Dann kommt noch Scham hinzu, weil ich vielleicht ungerecht war. Zum Ende einer solchen Denk-Kette kann ich spüren, dass mein Ärger weg ist und ich nicht mehr verkrampft und wütend bin, sondern viel weicher und entspannter. Manchmal entdecke ich in dem verflogenen Ärger eine Chance für den nächsten Tag.

 

Wenn das Denkir genug Gedanken gesaugt hat, schläft es problemlos ein, ohne sich hin und her zu wälzen. Vielleicht ist das Denkir - Dasein auch etwas für dich?  

Und bitte hab keine Angst vor Denkiren - sie saugen in der Nacht nur ihre eigenen Gedanken. Tagsüber jedoch, aufgepasst… ;-)